Ein
schwerer Kopf, meine Gedanken rasen, meine Augen – werden schwer.
Es
liegt ein Duft in der Luft, ein Gemisch aus etwas undefinierbarem.
Vielleicht ist es Liebe?
Nein,
es ist Gras. Und ich habe zu viel gesoffen.
Während
ich versuche mein Kopf wie ein zu groß gewachsener Wackel-Dackel auf
meinem Hals zu halten und dabei nicht einzuschlafen, höre ich hinter
mir eine piepsige Stimme immer wieder freudig aufschreien: "YEAH!
Das ist so geil hier!"
So
geil war es hier nicht!
Zumindest nicht in meinem Zustand.
Ich
war in meinem Lieblingspub gefangen, war knülle-dicht und mein
Traummann Paul saß an der Bar – mit seiner Neuen im Arm.
Der
Abend hätte also nicht besser laufen können.
Während
ich weiterhin versuche, mein Kopf gerade zu halten, entdecke ich den
Kellner vor mir.
„Du
siehst so durstig aus, magst du noch was trinken?“
Erst nach
dem dritten mal Hinsehen, bemerke ich, dass es nicht der Kellner ist,
sondern ein großgewachsener, blonder Kerl, der so breite Schultern
hatte, dass er locker meinem Kleiderschrank Konkurrenz machte.
Ich
nickte und lallte: „Jo. Bier.“
Gegen eine nette Konversation
und einem Kerl, der mir ansah wann ich was zu trinken brauchte, hatte
ich nichts und so entschloss ich mich in meinem Suffkopp dazu, Paul
mal für zwei Sekunden zu vergessen und Blondi meine volle
Aufmerksamkeit zu schenken.
„Und drei Tequila!“
Eigentlich
hatte ich den Abend schon abgeschrieben, nachdem meine Mitbewohnerin
irgendwo zwischen Bar und Ex-Freund verschwunden war (und er sicher
schon in ihr) und meine zwei anderen Mitbewohner dann doch schon um
Zehn im Bett sein wollten – morgen sei schließlich ein ganz
normaler Arbeitstag.
Diese Anfänger! Morgen war
Mittwoch! Bergfest!
Das
musste man feiern.
Eine
Nachricht sprang auf meinem Handy auf.
> Sweetheeeeeart, du
glaubst es niiiiiiiicht!
Kai hat mir gerade einen Heiratsantrag
gemacht!
Auf dem Eiffelturm! Ich kann es nicht glauben.
Besten
Gruß aus Madrid! Ciao Bella! <
Und auf einmal begriff ich: Alle um mich herum fingen an erwachsen zu werden
und ich bin die Suffelfe, die ich schon zu Abitur-Zeiten war.
Keine
Gelegenheit zum Feiern hatte ich verpasst. Egal ob 15 Punkte in einer
Klausur oder Ein-Mitleids-Punkt: Gründe gab es genug, Menschen die
feiern wollten auch und Alkohol war immer unser bester Freund.
Die
Nächte waren lang und legendär, wir haben Freundschaften
geschlossen, die Haare im Streit ausgerissen, sind auf Dächer
gestiegen – oder zumindest, auf das vom Nachbars Auto – und wir
haben durch die Straßen getanzt und laut gesungen, bis Frau Trude,
die Oma aus dem ersten Stock in unserer Nachbarschaft, nachts um
vier mit der Polizei gedroht und als das nichts mehr half, mit Eiern
nach uns geworfen hat.
Wir haben uns geschworen wir würden für
immer Jung bleiben, wir wollten die Welt sehn, wir wollten unser
Leben feiern und immer gut drauf sein. Wir waren eine Clique, eine
Crew, Suffelfen fürs Leben, Komplizinnen im Suff.
Zwei
unserer alten Gruppe waren bereits verheiratet. Eine würde nun auch
schon nachziehen. Die vierte war inzwischen zum zweiten Mal
schwanger. Die fünfte hatte eine erfolgreiche Karriere á la Robin
Scherbatsky hingelegt. Und ich?
Ich
saß hier in meinem Lieblingspub, fühlte mich wieder wie Neunzehn
und trank einfach viel zu viel. Mein Bachelor machte ich
wahrscheinlich erst in 10 Jahren, aber das war okay.
Ich
feierte mein Leben, so wie wir es uns mal geschworen hatten.
Ich
trank auf uns alle Einen. Auf die Jung gebliebenen. Auf die anderen
Suffelfen. Auf das Gute im Leben. Auf Glück und auf Freude. Und
vielleicht auch auf Männer die einen nicht wollten.
Blondi
kam mit meinem Bier zurück.
Seine blonden Haare waren wirklich
das einzige an das ich mich erinnern konnte.
Das Bier trank ich
auf Ex, denn ich wollte gehen.
„Oho, Süße! Du hast aber ein
Zug drauf!“ sagte Blondi.
Jo und ne große Leber hab ich wohl
auch – daran konnte ich noch denken, ehe mir übel wurde.
„Ich
wollte jetzt gehen...“ erwiderte ich und setzte mein schäbigstes
Lächeln auf.
„Ach
was? Magst du vielleicht nicht noch mit zu mir kommen?“ fragte
Blondi und ich antwortete mit meinem Mageninhalt auf seinen
Schuhen.
Das war sehr eindeutig.
„Wie
ekelhaft!“ kreischte Blondi und verschwand.
Ich schnappte mir
meine Jacke und verließ meinen Lieblingspub.
Paul starrte mich
angewidert an, als ich an ihm und seiner Neuen vorbei lief.
Ich
grinste blöd, trat zur Tür hinaus, drehte mir eine Zigarette und
steckte sie mir an.
Wenn
ich groß bin, werd' ich Spießer
In so 'nem tollen Reihenhaus
Zwei
Kinder
Junge Mädchen
Vielleicht n Hund
Ein
Mann, der mir Blumen mitbringt
Das
Essen steht um Punkt 12 auf dem Tisch
Ehekriesen
gibt es nicht
Ich bin eine von diesen perfekten Frauen, die alles
schaffen, und das mit Links.
ODER
Mein
Abi mit 1,0 bestanden
Studiert im Ausland
Nach
einer Weltreise in New York hängen geblieben
Medienwissenschaftlerin in einer PR Agentur
„Irgendwas mit
Medien wollte ich ja immer schon machen“
ODER
Ein
Cafe am Rande der Stadt
Schulden nach einem Jahr getilgt
Reich
geerbt, weil die Tante verstorben ist...
ABER
Das
Leben ist nicht wie bei How I Met Your Mother
Ich
sitze nicht mit den anderen noch in 10 Jahren in unsrem Pub
Keiner
ist Wingman mehr. Der perfekte Partner steht nicht einfach so vor der Tür.
Es ist
doch so:
Abends auf dem Sofa läuft nichts mehr im Fernsehn
Meine
Freunde, die sind nun manchmal Idioten
Männer
kommen, Männer gehen – im wahrsten Sinne des Wortes
Ich
hasse mein Studienfach
Ein
Auto kann ich mir nicht leisten
Bewerbungen schreiben fällt mir
schwer
Putzen
macht mir nicht Spaß
Backen ist anstrengend
Kochen sowieso
Videospiele
sind Prima
Partys
sind super
morgendliches
durch die Straßen laufen macht lebendig
Und
Alkohol – das brauch ich manchmal
Es mag
jeder um mich herum erwachsen geworden sein
Aber ich bin da noch
nicht bereit für
Der Punk ist in meinem Herzen
Der Quatsch in
meinem Kopf
Ich
werde wahrscheinlich weder reich erben, noch heiraten, noch werde ich
in New York leben oder Kinder haben. Und Paul bleibt immer der Mann
der Träume, weil er nicht der Mann für die Realität ist.
Bevor
ich den Schlüssel in die Haustür stecke, trat ich meine Zigarette
aus.
Ich bin
mit 23 manchmal noch Kind und manchmal auch dumm und unreif
Und
vor allem bin ich gerne was ich bin, wenn auch nur für gerade: Ein
bisschen wie eine Suffelfe.
[c] Mro