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Sonntag, 29. März 2015

Suffelfe


Ein schwerer Kopf, meine Gedanken rasen, meine Augen – werden schwer.
Es liegt ein Duft in der Luft, ein Gemisch aus etwas undefinierbarem. Vielleicht ist es Liebe?

Nein, es ist Gras. Und ich habe zu viel gesoffen.
Während ich versuche mein Kopf wie ein zu groß gewachsener Wackel-Dackel auf meinem Hals zu halten und dabei nicht einzuschlafen, höre ich hinter mir eine piepsige Stimme immer wieder freudig aufschreien: "YEAH! Das ist so geil hier!"
So geil war es hier nicht!
Zumindest nicht in meinem Zustand.
Ich war in meinem Lieblingspub gefangen, war knülle-dicht und mein Traummann Paul saß an der Bar – mit seiner Neuen im Arm.

Der Abend hätte also nicht besser laufen können.

Während ich weiterhin versuche, mein Kopf gerade zu halten, entdecke ich den Kellner vor mir.


Du siehst so durstig aus, magst du noch was trinken?“ 


Erst nach dem dritten mal Hinsehen, bemerke ich, dass es nicht der Kellner ist, sondern ein großgewachsener, blonder Kerl, der so breite Schultern hatte, dass er locker meinem Kleiderschrank Konkurrenz machte.

Ich nickte und lallte: „Jo. Bier.“
Gegen eine nette Konversation und einem Kerl, der mir ansah wann ich was zu trinken brauchte, hatte ich nichts und so entschloss ich mich in meinem Suffkopp dazu, Paul mal für zwei Sekunden zu vergessen und Blondi meine volle Aufmerksamkeit zu schenken.
„Und drei Tequila!“

Eigentlich hatte ich den Abend schon abgeschrieben, nachdem meine Mitbewohnerin irgendwo zwischen Bar und Ex-Freund verschwunden war (und er sicher schon in ihr) und meine zwei anderen Mitbewohner dann doch schon um Zehn im Bett sein wollten – morgen sei schließlich ein ganz normaler Arbeitstag.
Diese Anfänger! Morgen war Mittwoch! Bergfest!
Das musste man feiern.
Eine Nachricht sprang auf meinem Handy auf. 

> Sweetheeeeeart, du glaubst es niiiiiiiicht!
Kai hat mir gerade einen Heiratsantrag gemacht!
Auf dem Eiffelturm! Ich kann es nicht glauben.
Besten Gruß aus Madrid! Ciao Bella!
<

Und auf einmal begriff ich: Alle um mich herum fingen an erwachsen zu werden und ich bin die Suffelfe, die ich schon zu Abitur-Zeiten war.
Keine Gelegenheit zum Feiern hatte ich verpasst. Egal ob 15 Punkte in einer Klausur oder Ein-Mitleids-Punkt: Gründe gab es genug, Menschen die feiern wollten auch und Alkohol war immer unser bester Freund.
Die Nächte waren lang und legendär, wir haben Freundschaften geschlossen, die Haare im Streit ausgerissen, sind auf Dächer gestiegen – oder zumindest, auf das vom Nachbars Auto – und wir haben durch die Straßen getanzt und laut gesungen, bis Frau Trude, die Oma aus dem ersten Stock in unserer Nachbarschaft, nachts um vier mit der Polizei gedroht und als das nichts mehr half, mit Eiern nach uns geworfen hat.
Wir haben uns geschworen wir würden für immer Jung bleiben, wir wollten die Welt sehn, wir wollten unser Leben feiern und immer gut drauf sein. Wir waren eine Clique, eine Crew, Suffelfen fürs Leben, Komplizinnen im Suff.

Zwei unserer alten Gruppe waren bereits verheiratet. Eine würde nun auch schon nachziehen. Die vierte war inzwischen zum zweiten Mal schwanger. Die fünfte hatte eine erfolgreiche Karriere á la Robin Scherbatsky hingelegt. Und ich?

Ich saß hier in meinem Lieblingspub, fühlte mich wieder wie Neunzehn und trank einfach viel zu viel. Mein Bachelor machte ich wahrscheinlich erst in 10 Jahren, aber das war okay.
Ich feierte mein Leben, so wie wir es uns mal geschworen hatten.
Ich trank auf uns alle Einen. Auf die Jung gebliebenen. Auf die anderen Suffelfen. Auf das Gute im Leben. Auf Glück und auf Freude. Und vielleicht auch auf Männer die einen nicht wollten.

Blondi kam mit meinem Bier zurück.
Seine blonden Haare waren wirklich das einzige an das ich mich erinnern konnte.
Das Bier trank ich auf Ex, denn ich wollte gehen.
„Oho, Süße! Du hast aber ein Zug drauf!“ sagte Blondi.
Jo und ne große Leber hab ich wohl auch – daran konnte ich noch denken, ehe mir übel wurde.
„Ich wollte jetzt gehen...“ erwiderte ich und setzte mein schäbigstes Lächeln auf.
„Ach was? Magst du vielleicht nicht noch mit zu mir kommen?“ fragte Blondi und ich antwortete mit meinem Mageninhalt auf seinen Schuhen.
Das war sehr eindeutig.

„Wie ekelhaft!“ kreischte Blondi und verschwand.
Ich schnappte mir meine Jacke und verließ meinen Lieblingspub.
Paul starrte mich angewidert an, als ich an ihm und seiner Neuen vorbei lief.
Ich grinste blöd, trat zur Tür hinaus, drehte mir eine Zigarette und steckte sie mir an.


Wenn ich groß bin, werd' ich Spießer
In so 'nem tollen Reihenhaus
Zwei Kinder
Junge Mädchen
Vielleicht n Hund

Ein Mann, der mir Blumen mitbringt
Das Essen steht um Punkt 12 auf dem Tisch

Ehekriesen gibt es nicht
Ich bin eine von diesen perfekten Frauen, die alles schaffen, und das mit Links.

ODER

Mein Abi mit 1,0 bestanden
Studiert im Ausland
Nach einer Weltreise in New York hängen geblieben
Medienwissenschaftlerin in einer PR Agentur
„Irgendwas mit Medien wollte ich ja immer schon machen“

ODER

Ein Cafe am Rande der Stadt
Schulden nach einem Jahr getilgt
Reich geerbt, weil die Tante verstorben ist...

ABER

Das Leben ist nicht wie bei How I Met Your Mother

Ich sitze nicht mit den anderen noch in 10 Jahren in unsrem Pub
Keiner ist Wingman mehr. Der perfekte Partner steht nicht einfach so vor der Tür.
Es ist doch so:
Abends auf dem Sofa läuft nichts mehr im Fernsehn
Meine Freunde, die sind nun manchmal Idioten
Männer kommen, Männer gehen – im wahrsten Sinne des Wortes

Ich hasse mein Studienfach
Ein Auto kann ich mir nicht leisten
Bewerbungen schreiben fällt mir schwer

Putzen macht mir nicht Spaß
Backen ist anstrengend
Kochen sowieso

Videospiele sind Prima
Partys sind super
morgendliches durch die Straßen laufen macht lebendig
Und Alkohol – das brauch ich manchmal

Es mag jeder um mich herum erwachsen geworden sein
Aber ich bin da noch nicht bereit für
Der Punk ist in meinem Herzen
Der Quatsch in meinem Kopf

Ich werde wahrscheinlich weder reich erben, noch heiraten, noch werde ich in New York leben oder Kinder haben. Und Paul bleibt immer der Mann der Träume, weil er nicht der Mann für die Realität ist.

Bevor ich den Schlüssel in die Haustür stecke, trat ich meine Zigarette aus.

Ich bin mit 23 manchmal noch Kind und manchmal auch dumm und unreif


Und vor allem bin ich gerne was ich bin, wenn auch nur für gerade: Ein bisschen wie eine Suffelfe.





[c] Mro